Trauer begegnet uns früher oder später allen.

Oft denken wir dabei zuerst an den Tod eines geliebten Menschen. Tatsächlich beginnt Trauer jedoch schon viel früher und zeigt sich in vielen Gesichtern.

Wir trauern um Beziehungen, die zerbrechen. Um Lebenspläne, die sich nicht erfüllen. Um unsere Gesundheit, wenn sie uns plötzlich nicht mehr selbstverständlich begleitet. Um die Kinder, die erwachsen werden und ausziehen. Um Fähigkeiten, die mit den Jahren nachlassen. Manchmal sogar um einen Lebensabschnitt, der nie wieder zurückkehren wird.

Trauer gehört zum Leben, obwohl wir sie am liebsten vermeiden würden.

Ich begegne ihr häufig in meiner Praxis.
Interessanterweise kommen die wenigsten Menschen mit den Worten: „Ich trauere.“

Sie erzählen von Schlafstörungen, innerer Unruhe, Erschöpfung oder einer bleiernen Schwere. Manche können sich nicht mehr richtig freuen. Andere funktionieren einfach nur noch.

Erst im Gespräch wird deutlich, dass sie sich längst von etwas verabschieden mussten, ohne sich diesen Abschied wirklich erlaubt zu haben.

Unsere Gesellschaft macht es uns dabei nicht leicht.

Schon nach kurzer Zeit hören Betroffene gut gemeinte Sätze wie: „Du musst nach vorne schauen.“ Oder: „Die Zeit heilt alle Wunden.“

Ich glaube, dass beides nur einen Teil der Wahrheit beschreibt. Zeit allein heilt wenig.
Sie schafft Abstand.
Heilung beginnt häufig erst dann, wenn wir den Schmerz anschauen, anstatt vor ihm davonzulaufen.

Trauer folgt keinem Kalender.

Es gibt keine richtige Dauer und keine Reihenfolge der Gefühle.

Manche Menschen weinen viel. Andere überhaupt nicht. Einige werden still, während andere das Bedürfnis haben, immer wieder von dem Erlebten zu erzählen. Alles darf sein.

Auch die Natur zeigt uns, dass Abschied und Neubeginn zusammengehören.

Im Herbst verlieren die Bäume ihre Blätter.
Niemand würde erwarten, dass sie diese mit aller Kraft festhalten.
Sie lassen los, weil neues Wachstum nur entstehen kann, wenn Platz dafür entsteht.

Vielleicht dürfen auch wir uns daran erinnern.

Loslassen bedeutet nicht vergessen.

Es bedeutet auch nicht, dass etwas plötzlich keine Bedeutung mehr hat.
Wer einen Menschen verliert, wird ihn immer vermissen.
Wer eine schwere Erkrankung durchlebt hat, wird diese Erfahrung nicht einfach aus seinem Leben streichen.

Und doch kann neben der Trauer langsam wieder etwas anderes entstehen.

Nicht anstelle der Trauer. Neben ihr.

Ich erlebe oft, dass Menschen sich schuldig fühlen, wenn sie nach einer schweren Zeit wieder lachen können.
Als würden sie den Verlust dadurch weniger ernst nehmen.

Dabei ist genau das Leben.

Trauer und Freude schließen sich nicht aus.

Sie dürfen nebeneinander existieren.

Auch unser Körper trauert.
Stresshormone bleiben häufig erhöht. Der Schlaf verändert sich. Appetit und Verdauung geraten aus dem Gleichgewicht. Das Immunsystem arbeitet anders als sonst. Deshalb braucht der Körper in dieser Zeit mindestens genauso viel Fürsorge wie unsere Seele.

Regelmäßige Spaziergänge, ruhige Atemübungen, eine nährstoffreiche Ernährung oder kleine Rituale können dabei helfen, wieder etwas Halt zu finden. Nicht, weil sie den Schmerz verschwinden lassen.
Sondern weil sie uns durch ihn hindurch begleiten.

Ich lade meine Patientinnen und Patienten manchmal dazu ein, ihrer Trauer einen Platz zu geben.
Nicht den ganzen Tag. Aber vielleicht jeden Tag für einige Minuten.
Ein Spaziergang mit den Gedanken an den geliebten Menschen. Ein Brief, der nie abgeschickt wird. Eine Kerze am Abend. Ein Foto, das Erinnerungen weckt.

Trauer möchte gesehen werden.

Je mehr wir versuchen, sie wegzuschieben, desto hartnäckiger meldet sie sich häufig zurück.
Mit der Zeit verändert sie ihre Gestalt.

Sie wird leiser. Nicht kleiner. Leiser.

Sie bleibt ein Teil unserer Geschichte, bestimmt aber nicht mehr jeden einzelnen Tag.
Vielleicht liegt darin etwas Tröstliches. Wir müssen nicht vergessen, um weiterleben zu dürfen.

Wir dürfen Erinnerungen bewahren und gleichzeitig neue Erfahrungen sammeln.
Wir dürfen einen Menschen vermissen und dennoch wieder glücklich sein.

Beides hat seinen Platz. Trauer ist kein Zeichen von Schwäche. Sie zeigt, dass etwas oder jemand einen festen Platz in unserem Herzen hat.

David Kessler, mein Lehrer, sagte etwas, das so unendlich traurig und so hoffnungsvoll ist: 

Der Platz im Herzen bleibt für immer leer. Aber unser Herz wird größer und schafft neuen Raum.

Und vielleicht ist genau das die schönste Seite der Trauer.

Sie erinnert uns daran, wie tief wir lieben können.

In der Trauergruppe „wageMut – sich zurück ins Leben traue(r)n“ finden Sie den Raum Ihre Trauer spüren zu können. Auch Einzeltermine in der Praxis können hilfreich sein, den eigenen Trauerweg zu finden und zu gehen.

Auf meiner neuen Webseite „trauer-wagemut.de“ habe ich noch weitere wertvolle Impulse und ein kleines Video, dass Sie sich nach Anmeldung direkt oder zeitversetzt (es kommt eine E-mail mit dem Link) anschauen können. Sie sind nicht alleine.