Perfekt.
Ein Wort, das wir ständig hören. In der Werbung, auf Social Media, im Job, im Familienleben.
Alles soll stimmen. Alles soll rund sein. Alles soll „passen“.
Darüber habe ich vor Kurzem bereits in einem Blogbeitrag geschrieben.
Es ist mir jedoch so wichtig, dass ich hier noch einmal darauf zurückkommen möchte.
Inspiriert dazu hat mich ein Buch – dazu aber später mehr.
Perfekt
Und irgendwie scheint es bei allen anderen auch zu funktionieren.
Sie haben ihre Ziele klar vor Augen.
Sie wirken souverän, strukturiert, erfolgreich.
Sie machen keine Fehler – zumindest keine sichtbaren.
Und Ich?
Ich gebe mir Mühe. Ich strenge mich an. Ich denke nach. Viel.
Und trotzdem bleibt dieses nagende Gefühl: Es reicht noch nicht.
Noch nicht gut genug.
Noch nicht ordentlich genug.
Noch nicht richtig.
Perfektionismus – wenn das Streben zur Belastung wird
Perfektionismus wird oft missverstanden.
Er klingt nach Ehrgeiz, nach Disziplin, nach Qualität. Und ja – es gibt ihn, den „positiven Perfektionismus“.
Er setzt sich hohe Ziele, ohne sich selbst dabei zu zerfleischen.
Er darf Fehler machen, lernt daraus und geht weiter.
Doch viel häufiger begegnet mir in meiner Praxis eine andere Form: der antreibende, angstbesetzte Perfektionismus.
Er lebt von „Ich muss“. Ich muss funktionieren. Ich muss leisten. Ich darf mir keinen Fehler erlauben.
Die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Träume?
Bleiben oft auf der Strecke.
Stattdessen: Kontrolle. Vergleich. Selbstkritik.
Der stille Preis der Perfektion
Perfektionisten investieren viel.
Zeit. Energie. Verantwortung.
Und hungern gleichzeitig – nach Freude, Leichtigkeit und innerer Ruhe.
Sie fühlen sich verantwortlich für alles.
Für Harmonie. Für das Gelingen. Für das Wohl anderer.
Und scheitern zwangsläufig an dieser unmöglichen Aufgabe.
Zurück bleiben Schuldgefühle, Frust, Wut – oft gegen sich selbst gerichtet.
Manchmal auch gegen andere. Beziehungen leiden. Im Job entsteht Druck.
Der Körper reagiert – mit Erschöpfung, Anspannung, Schlaflosigkeit.
Und das Bittere daran:
Zufriedenheit stellt sich trotzdem nicht ein.
„Gut genug“ – kein Aufgeben, sondern ein Wendepunkt
In dem Buch „Mir reicht’s!“ von Elisabeth Gummesson und Kerstin Schöps wird ein zentraler Perspektivwechsel beschrieben:
Nicht weniger Anspruch – sondern realistischere Ansprüche.
Nicht Stillstand – sondern Etappen.
Nicht Perfektion – sondern Trennung von Leistung und Selbstwert.
„Gut genug“ heißt nicht: egal.
Es heißt: menschlich.
Ich darf entscheiden, was für „mich“ gut genug ist.
Heute. In diesem Kontext. Mit diesen Ressourcen.
Und ich darf mich dabei ernst nehmen.
Selbstwert statt Selbstoptimierung
Viele Perfektionisten kämpfen nicht mit mangelnder Disziplin – sondern mit einem verletzlichen Selbstwertgefühl.
Wenn mein Wert davon abhängt, wie gut ich funktioniere, wie andere mich bewerten oder ob ich alles richtig mache, dann wird das Leben eng.
Ein stabiles Selbstwertgefühl hingegen erlaubt mir:
- Fehler als Erfahrung zu sehen
- Kritik auszuhalten, ohne mich zu entwerten
- mich zu freuen – für mich und für andere
- Grenzen zu setzen, ohne Schuldgefühle
Genau hier setzt die Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT) an.
Sie hilft, die vielen inneren „Müssen“-Sätze zu erkennen und durch hilfreichere, realistischere Gedanken zu ersetzen.
Und jetzt?
Vielleicht erkennst du dich in einigen Zeilen wieder.
Vielleicht merkst du, wie anstrengend dein innerer Anspruch geworden ist.
Oder wie sehr du dich selbst unter Druck setzt – obwohl du längst genug gibst.
Dann darfst du innehalten. Und dir erlauben, hinzuschauen.
Eine begleitete, wertschätzende Bestandsaufnahme kann hier sehr entlastend sein.
In meiner Praxis unterstütze ich Menschen dabei, ihren Perfektionismus zu verstehen – und ihn Schritt für Schritt in etwas Dienlicheres zu verwandeln.
Nicht perfekt. Aber stimmig.
