Angeregt, mir diese Frage selbst zu stellen, wurde ich im Urlaub auf dem Thomas-Mann-Weg, als ich den Auszug im Titelbild las.

„Was ist Leben?“

Oder, wie Thomas Mann es in seinem Roman „Der Zauberberg“ beschreibt:

„Was war das Leben?“

Warum schreibt er in der Vergangenheit?

Schreibt er bewusst „war“, um einen Sinn zu finden?
Ist er enttäuscht vom Leben, oder ist es ein Rückblick?

Ich habe das Buch selbst nicht gelesen, habe mich aber im Internet auf die Suche nach diesem Auszug gemacht – und tatsächlich gefunden.

Von seinem forschungsgetriebenen Zeitgeist bewegt, schreibt er weiter:

„Es war Wärme, das Wärmeprodukt formerhaltender Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von welchem der Prozess unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweißmolekel begleitet war.”

„Es ist Sein im Nicht-Sein“, würden die Daoisten sagen. 

Zumindest kam mir das in den Sinn, als ich das Schild las.

Und tatsächlich erwähnt Mann diese Sichtweise im weiteren Textverlauf.

„Es war das Sein des eigentlich Nicht-Sein-Könnenden, des nur in diesem verschränkten und fiebrigen Prozess von Zerfall und Erneuerung mit süß-schmerzlicher- genauer Not auf dem Punkt des Seins Balancierenden. Es war nicht materiell und nicht Geist. Es war etwas zwischen beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem Regenbogen auf dem Wasserfall und gleich der Flamme.“

Das „Sein im Nicht-Sein“ mit dem Verstand und den Gedanken beschreiben zu wollen, die genau da keine Rolle spielen, ist wirklich eine Kunst. Selbst Thomas Mann umschreibt es mit seinem Vergleich des Regenbogens auf dem Wasserfall sicherlich nur, wenn auch sehr schön.

In dem Buch „Das Wirken in den Dingen“ arbeitet sich Jean François Billeter über alte philosophische chinesische Schriften an dieses „Sein im Nicht-Sein“ heran.

Es wird sozusagen umzingelt und auf frischer Tat ertappt.
Und doch ist es nichts, das wir in Texten oder Niederschriften jemals mit unserem Geist erfassen können.

Es ist, als entzöge sich diese Erkenntnis unserem Bewusstsein.

Meiner Meinung nach ist aber das Bewusstsein genau der Ansatz, den wir verfolgen sollten. Auch Eckhart Tolle ist ein großer Verfechter dieser Idee. Er ist ein Verfechter des Moments ohne Gedanken, ohne Verstand. Nur Bewusstsein und Wahrnehmung.

Billeter würde sagen: die Erfahrung dessen, was ist.

Hat Thomas Mann deshalb die Frage „Was war Leben?” gestellt, weil alles, was wir gerade sind und erleben, in diesem flüchtigen Moment des Seins bereits vergangen ist?

Für mich ist Leben tatsächlich, das „Sein“ zu spüren.

Ich, der ich selbst ein vom Verstand geprägter Mensch bin, habe erst durch die Erfahrung der Vergänglichkeit gemerkt, wie sehr ich vergessen habe zu leben.

Früher wurde ich von Zielen, Aufgaben, Karriere und Geld angetrieben und dachte, dass das Leben genau das ist. 
Den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen – also verheiratet zu sein, ein Haus zu besitzen und Erfolg im Job zu haben, um es mit den Worten der Werbung zu sagen: „Mein Haus, mein Auto, mein Pferd“ – waren Ziele und Aufgaben, die es zu erledigen galt.

Zufriedenheit verband ich nur mit Materiellem und Äußerlichkeiten.
Das hatte mir nur Kummer und Sorgen eingebracht.

Erst als das Leben, das mit mir verbunden war, ein Ende fand, lösten sich viele Trugbilder auf. In der dunklen Nacht und der tiefen Gefühllosigkeit, die mich danach umgaben, konnte sich der festgezurrte Verstand vom Bewusstsein lösen.

Im tiefsten Schmerz gab es auch Freiheit.

Ich war.

Ich benutze tatsächlich jetzt „war“ für etwas, das „ist“ sein sollte. Vielleicht bin ich Thomas Mann auf der Spur?


Und doch habe ich für mich festgestellt, dass das „Sein spüren“ im Alltag ganz schnell verloren geht.
Es ist einfach nicht präsent. In unserer Verstandeswelt kommt es einfach nicht vor.

Im Verstand zu sein, bedeutet nicht, im „Hier und Jetzt“ zu sein.

Und dabei wäre das „Im-Jetzt-Sein“ meiner Meinung nach die Lösung.

Dabei meine ich nicht nur, dem „Moment“ die größte „Aufmerksamkeit“ zu widmen, sondern auch, ganz und gar im Spüren und Wahrnehmen zu sein.

Ist das überhaupt möglich?

Ich habe es schon mehrfach erlebt.

  • In der Meditation.
  • Beim Qigong-Üben.
  • In der Gefühlsleere, die meinem Verstand nach meinen Verlusten Ruhe gönnte.
  • In der reinsten Freude beim Betrachten eines wogenden Weizenfeldes.

Allerdings glaube ich auch, dass es utopisch ist, zu denken, dass wir diesen „Sein“-Zustand immer und ständig innehaben können.
Was wir aber können, ist, genau diesen Zustand immer wieder bewusst zu üben.
Wenn dieser Moment dann da ist, können wir ihn nur spüren und wahrnehmen, ohne zu bewerten, ohne zu denken.

Dann ist das Leben.

Einfach sein.

Es gibt nicht die eine Antwort darauf, was Leben ist.

Für mich ist das Leben „ist“ und „war“ zugleich.

Und jeder bewusste Moment ist ein Geschenk.